Andrea Tholl

Journalistin

° Elizabeth George: „Nur Plot ist wie Popcorn“

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Foto © Greg Figge

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Entsorgt Elizabeth George demnächst ihre Helden? Krimi-Fans bangen um ihre liebsten Romanbegleiter. Im Interview gibt die Star-Autorin Entwarnung. Und schwärmt von England als „Zentrum des Universums“.

Andrea Tholl: Frau George, Sie haben mit Ihren bislang 13 Krimis weltweit Millionen Bücher verkauft, dazu gibt es eine ebenso große wie treue Fangemeinde, die jedem Ihrer Werke entgegenfiebert. Und jetzt das: Ihr nächstes Buch ist kein Krimi.

Elizabeth George: Das stimmt. „Am Ende war die Tat“ ist im Gegensatz zu meinen vorherigen Büchern kein ‚Whodunit‘. Das Buch war ursprünglich als Teil meines letzten Krimis „Wo kein Zeuge ist“ geplant, in dem Helen, die schwangere Ehefrau von Inspector Lynley, erschossen wird. Hauptverdächtiger ist ein zwölfjähriger Junge namens Joel. Im neuen Roman schildere ich die Hintergründe des Mordes.

Warum haben Sie diese Geschichte vom letzten Roman abgekoppelt?

Ich wollte dem Leser kein 1500-Seiten-Werk zumuten und habe zwei Bände aus dem Stoff gemacht. Es gibt sowieso schon Beschwerden, dass meine Bücher zu dick sind.

Aber ist es spannend, über einen Fall zu lesen, bei dem der Täter von Anfang an bekannt ist und es keine Mordermittlung gibt? Auch Ihr Ermittlerduo Lynley und Havers taucht nur am Rande auf.

Spannend ist Joels Geschichte: Ich beschreibe seine problematischen Familienverhältnisse in der unteren Gesellschaftsschicht Londons und die zerstörenden Kräfte, die auf ihn einwirken. Und am Ende wartet doch, wie sonst auch, eine Überraschung auf den Leser.

In Internetforen macht sich die Sorge breit, dass Helen Lynley erst der Anfang war und Sie nun eine Hauptfigur nach der anderen sterben lassen.

Keine Sorge. Das nächste Buch, an dem ich arbeite, ist wieder ein typischer Lynley-und Havers-Fall. Keine weitere Hauptfigur wird ausgeknockt, wie wir Amerikaner sagen. Aber Helen war aus meiner Sicht schon länger fällig. Ich suchte nur nach der richtigen Story, um sie aus der Welt zu schaffen. Dann begann ich mit „Wo kein Zeuge ist“, und ich wusste: jetzt geht es ihr an den Kragen.

Man hat mit Ihren Figuren schon viel erlebt und erlitten – dem adeligen Chefinspector Lynley, seiner aus der Arbeiterklasse stammenden Assistentin Havers, Lady Helen, die nun leider tot ist, oder Simon und Deborah St. James. Haben Sie Ihre Romane von Anfang an als Serie angelegt?

Ja, weil ich das als Leserin sehr mag. Ich liebe die Bücher von Dorothy L. Sayers oder Margery Allingham. Ich schätze es, den Figuren wiederzubegegnen.

ende_war_die_tatCleveres Konzept, denn der Leser will natürlich wissen, wie es mit den Figuren weitergeht – und kauft sich Ihr nächstes Buch. Liegt darin das Geheimnis Ihres weltweiten Erfolges?

Auf jeden Fall. Rein plotgesteuerte Geschichten können zwar unterhalten, sind aber wie Popcorn. Sie machen nicht satt. Was Leser an Büchern fesselt, sind die Charaktere. Deshalb widme ich den Figuren bereits vor dem wirklichen Schreibprozess sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit. Erst wenn ich eine Figur richtig kenne, schreibe ich über sie.

Zum Beispiel über Joel. Der gerät in Ihrem neuen Roman in Kontakt mit den problematischen Seiten Englands, mit Bandenkriminalität und dem Drogenmilieu. Kommt durch diesen aufklärerischen Aspekt die Lehrerin zu Wort, die Sie einmal waren?

Meine Absicht ist eher, England so zu zeigen, wie es heute ist, nicht unbedingt den pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Ich will das sich verändernde Gesicht dieses Landes zeigen. Es handelt sich um eine multikulturell-polyglotte Gesellschaft, die enorme Probleme hat. Und die werden immer gravierender.

Auch die amerikanische Gesellschaft hat große soziale Probleme. Warum schreiben Sie als gebürtige Amerikanerin stets über Großbritannien und nicht über Ihr eigenes Land?

Das ist ganz einfach: Ich mag Großbritannien sehr. Seine Geschichte, Traditionen, seine Schriftsteller, die Landschaft, die alten Bauwerke. Es ist so wunderbar anders als Amerika. Das englische Klassensystem und den Snobismus kann ich zwar nicht leiden, aber darüber ziehe ich in meinen Romanen her. Für mich lautet die Frage daher nicht, warum ich über England schreibe, sondern warum nicht jeder darüber schreibt.

Seit wann pflegen Sie diese Leidenschaft für alles Britische?

Seit Anfang der sechziger Jahre. Damals war ich zwölf. England kam über mich in Gestalt eines gleichaltrigen Mädchens namens Angela Cohen. Sie stammte aus Manchester und war von einer Familie aus unserer Nachbarschaft adoptiert worden. Angela schwärmte für Cliff Richard und erzählte mir skurrile Geschichten über ihr Heimatland. Ich war sofort fasziniert. Als Teenager brach bei mir die Beatles-Manie aus. Ich liebte die Filme mit Vanessa Redgrave oder Michael Caine, den Minirock und Twiggy. Für mich war das ganze englische Zeug das Zentrum des Universums.

Fast zwanzig Jahre lang sind Sie bereits Krimi-Autorin. Ihre Bücher haben einen durchschnittlichen Umfang von 650 Seiten, Tendenz steigend. Haben Sie Angst, dass Ihnen irgendwann die Ideen ausgehen?

Natürlich habe ich Angst, eines Morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Jeder Schriftsteller kennt das. Aber ich vertraue auf meinen Spürsinn. Die Ideen kommen in den Momenten, in denen man sie am wenigsten erwartet. Als ich kürzlich wieder in London war, bekam ich auf der Straße zum Beispiel eine dieser kostenlosen Zeitungen in die Hand gedrückt. Normalerweise lese ich so etwas nicht, aber dieses Mal schon und ich stieß dabei auf eine sehr interessante Kolumne. Da wusste ich: Das ist meine nächste Idee. Kurze Zeit später sah ich in einem Museum einen Mann, der einen riesigen Stapel mit Postkarten kaufte. Es war ein und dasselbe Motiv. Bingo. Damit hatte ich eine zweite Geschichte. So kann es also noch ewig weitergehen.

 

Veröffentlicht auf SPIEGEL ONLINE

 

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