Andrea Tholl

Journalistin

° Jed Rubenfeld: „Freud hat ein Comeback verdient“

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Foto: © Sigrid Estrada

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Eigentlich ist Jed Rubenfeld Jura-Professor an der Yale Universität. Doch der 48-jährige Amerikaner wechselte das Genre und schrieb den Psychoanalyse-Krimi „Morddeutung“. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seinen unverhofften Bestseller und die fällige Rehabilitation Sigmund Freuds.

Andrea Tholl: Vor kurzem wurden Sie mit dem British Book Award ausgezeichnet, obwohl Sie im Literaturbetrieb bisher nahezu unbekannt waren. Wie konnte das passieren?

Jed Rubenfeld: Es war ein Unfall. Damit, dass mein erster Roman auf Anhieb so erfolgreich werden würde, hat niemand gerechnet, ich am allerwenigsten. Manchmal denke ich, es handelt sich um ein anderes Buch mit gleichem Namen.

Jetzt wird „Morddeutung“ in 30 Sprachen übersetzt, Time Warner hat sich die Filmrechte gesichert und in England und den USA war das Buch bereits auf Platz eins der Bestsellerliste. Sehr ungewöhnlich für einen Professor für Verfassungsrecht.

Ja, vor allem, wenn man bedenkt, dass sich meine letzte akademische Abhandlung nur sechs Mal verkauft hat, drei Exemplare davon an Familienmitglieder. Es musste also etwas passieren. Ich jammerte monatelang herum, bis meine Frau sagte, ich solle einen Roman schreiben. Das hielt ich anfangs für absoluten Unfug. Woher sollte ich das können?

Ihre Frau Amy Chua, ebenfalls eine Yale-Professorin, hat mit „World on Fire“ selbst einen Sachbuch-Bestseller geschrieben. War das ein Problem für Sie?

Natürlich. Ich sehe meine Frau durchaus als Konkurrentin, sie ist da aber weitaus gelassener. Nun steht es aber ganz gut um mich.

In Ihrem Roman „Morddeutung“ wird eine junge Frau erwürgt und mit Schnittwunden in ihrem Appartement gefunden, eine zweite verliert nach einem ähnlichen Angriff ihr Gedächtnis und soll sich durch eine Psychoanalyse wieder an den Täter erinnern. Das Ganze spielt im New York des Jahres 1909, Sigmund Freud hat eine Schlüsselrolle. Warum haben Sie Freud wieder aufleben lassen?

Dieser Mann hat wirklich ein Comeback verdient. Sigmund Freud war ein Revolutionär. Es gibt nur wenige Denker des 20. Jahrhunderts, die an ihn herankommen. Jeden Tag leben wir noch heute mit seinen Ideen, zum Beispiel, dass wir unbewusste Ängste und Wünsche in uns tragen, vor allem sexuelle.

Seine Thesen gelten aber zum Teil als überholt.

Das stimmt. Zum Beispiel, wenn man an den Kastrationskomplex denkt. Wenn man ihn jedoch weniger als Wissenschaftler sieht und nicht fordert, dass alles empirisch belegt sein muss, ist Freuds fundamentaler Einfluss nicht zu leugnen. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen sich selbst besser verstehen. Für mich ist er ein Dolmetscher der modernen Menschheit.

morddeutungenIhr aktuelles Buch basiert auf der wahren Begebenheit, dass Freud mit seinen Schülern Jung und Ferenczi 1909 in die USA reiste, um an der Clark University Vorlesungen zur Psychoanalyse zu halten. Darum spinnen Sie einen vielschichtigen Mordfall.

Das Interessante an der Reise Freuds ist, dass manche seiner Biografen vermuten, dass er damals ein Trauma erlitten habe, ohne jedoch den genauen Grund zu kennen. Freud kam mit sehr großen Hoffnungen in die USA, nachdem er in Europa offen angefeindet wurde. Seine Vorlesungen waren ausgesprochen erfolgreich, danach etablierte sich die Psychoanalyse auch in den USA. Trotzdem kehrte Freud nie wieder zurück, sprach sogar abwertend über die Amerikaner als „Kriminelle“ und „Primitive“ und machte seinen USA-Trip für seine körperlichen Beeinträchtigungen verantwortlich, obwohl er schon vorher krank war. Diesem Geheimnis versuche ich in meinem Roman mit literarischen Mitteln auf die Spur zu kommen.

Trotz aller Fiktion beruht Ihr Roman zum größten Teil auf historischen Fakten. Wie umfangreich war die Recherche?

Ich las Tausende von Artikeln und mindestens hundert Bücher. Zuerst versuchte ich, nur aus meiner Phantasie heraus zu schreiben. Aber es stellte sich heraus, dass die Realität viel interessanter ist, was nicht unbedingt für mein Vorstellungsvermögen spricht. Ich habe natürlich manches für die Geschichte abgewandelt, aber das meiste basiert auf Tatsachen. Heute erwarten die Leser auch von Romanen, dass man sich auf die historischen Details verlassen kann. Vollkommen zu Recht.

„Morddeutung“ strotzt nur so von schwergewichtigen Themen: Psychoanalyse, neuen Theorien zum Ödipuskomplex oder Shakespeares „Sein oder Nichtsein“. Wie lautet die Kernaussage?

Ich habe keine Botschaft, werfe nur eine Frage auf: Kann der Mensch glücklich sein und sich gleichzeitig selbst verstehen? Oder funktioniert ein glückliches Leben nur ohne Selbsterkenntnis, ohne dass man sich mit schmerzhaften, verdrängten Dingen auseinander setzen muss? Zugegeben, der Roman enthält viel Material. Wenn der Verlag gesagt hätte, es wäre zu intellektuell, wäre ich nicht überrascht gewesen.

Bevor Sie Professor für Verfassungsrecht an der Yale Universität wurden, haben Sie in Princeton Philosophie studiert und die renommierte Juilliard Schauspielschule in New York besucht. Ist das Schreiben nun eine Rückkehr zu Ihrer eigentlichen Berufung als Künstler?

Das Problem mit der Schauspielschule war, dass ich nicht wirklich schauspielern konnte, ein kleines Hindernis für meine Karrierepläne. Somit dauerte mein Aufenthalt dort auch nicht allzu lange. Dass ich mich danach in Harvard und Yale mit Rechtsfragen beschäftigt habe, bereue ich keine Sekunde. Das trainiert viele Facetten des Verstandes, nur leider nicht die künstlerischen, emotionalen Anteile. Viele Jahre habe ich das bedauert, was bestimmt auch ein Grund dafür war, warum ich einen Roman geschrieben habe. Dazu kommt, dass es meiner Persönlichkeit entgegen kommt.

Inwiefern?

Sowohl als Schauspieler als auch als Schriftsteller drückt man nicht die eigenen Emotionen aus, sondern die von jemand anderem. Ich habe keine extrovertierte Persönlichkeit und mag nicht so gern über mich selbst sprechen.

Hat denn wirklich keine Figur Ihres Romans autobiografische Züge?

Am ehesten die Hauptfigur Dr. Younger, der das Opfer therapiert. Ebenso wie ich ist er fasziniert von Freud und Shakespeare. Er ist verschlossen, drückt seine Gefühle nicht direkt aus. Das ist auch der Grund, warum er gern andere analysiert. Psychotherapeuten mögen es, in andere Leute zu schauen, um nicht über sich selbst sprechen zu müssen.

Wie steht es um Ihre eigene Therapieerfahrung?

Mein Vater war Psychotherapeut. Das Aufwachsen war also quasi eine Therapie. Ich selbst war aber noch nie bei einem Therapeuten in Behandlung. Ich halte es da wie Hugh Grant.

Hugh Grant!?

Als man ihn 1995 in Los Angeles mit der Prostituierten Divine Brown erwischte und er in einem Interview gefragt wurde, ob er jetzt psychologische Hilfe benötige, antwortete er: „In England brauchen wir keine Therapie. Wir lesen Romane“.

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