Andrea Tholl

Journalistin

° Suzi Quatro: „Ich habe den Frauen eine laute Stimme gegeben“

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Suzi Quatro 2005, zur Verfuegung gestellt von EMI auf www.spiegel.de. (AP Photo/Gered Mankowitz)

Comeback der Lederbraut: In den Siebzigern gab es kaum eine andere Rocksängerin, die so viele Erfolge feierte wie Suzi Quatro. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die heute 55-Jährige über Kämpfernaturen aus Detroit, enge Lederhosen und ihre neue CD.

Andrea Tholl: Im Februar kam Ihre neue CD auf den Markt. Haben Sie mitgezählt, wie viele Comebacks Suzi Quatro schon hatte?

Suzi Quatro: Welches Comeback? Ich war doch nie weg. Ganz im Gegenteil. Ich habe immer Musik gemacht, bin in Musicals aufgetreten und hatte meine eigene Fernsehshow.

Trotzdem: So richtig wahrgenommen hat man Sie hier in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht.

Vielleicht, weil ich nicht ständig neue Platten veröffentlicht habe. Auch über Frank Sinatra wurde immer geschrieben, er habe ein Comeback nach dem anderen. Ich war – wie er – immer da. Und jetzt sogar mit CD.

back_to_the_driveWas bedeutet Ihnen das neue Album? Immerhin ist es das erste Studioalbum nach 20 Jahren.

Es bedeutet mir… alles. Das Album ist sehr autobiografisch. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich fähig, die Geschichte meines Lebens zu erzählen. Ich bin ein Mensch mit vielen Facetten.. Rock’n’Roll ist ein riesiger Teil von mir. Aber da gibt es auch noch eine andere, eine weichere Seite. Die offenbare ich jetzt.

Ach. Sie haben sich also vorher versteckt?

Ja. Auf meinen früheren Alben waren vielleicht ein oder zwei Songs autobiografisch. Die neue CD hat eine viel größere Bandbreite und Tiefe. In meinem Leben ist halt viel passiert. Das fließt alles mit ein.

Zum Beispiel?

1991 ging meine erste Ehe mit meinem Gitarristen Len Tuckey in die Brüche. Wir waren sehr lange zusammen – 22 Jahre. Damals wusste ich nicht, wie ich ihm sagen sollte, dass es aus ist. Also schrieb ich ihm ein Lied, „Free the butterfly“. Aber irgendwie wollte er das Lied nicht verstehen und sagte nur: „Netter Song, Susan“.

Dumm gelaufen.

Leider. Ich kam also leider nicht darum herum, es ihm direkt zu sagen. Trotzdem war es der erste Song, in dem ich nicht nur meine harte Rockerschale, sondern auch mein empfindsames, weiches Inneres ausdrücken konnte. Dieses Stück findet man nun auf dem neuen Album.

Was hat Ihre neuen Songs noch beeinflusst?

Im Jahr 1992 starb meine Mutter an Krebs. Als sie mich zum letzten Mal in England besuchte, sagte sie, sie hätte in ihrem Leben einen schweren Fehler begangen.

Und zwar?

Sie sagte, sie hätte mich zu früh fort gehen lassen. Ich war damals 14 Jahre alt und hatte mit meinen drei Schwestern eine Band, die „Pleasure Seekers“. Wir spielten sogar vor Soldaten in Vietnam. Meine Mutter sagte, sie habe mich ständig vermisst.

Damals waren Sie noch minderjährig. Ihre Mutter hätte Ihnen die Auftritte verbieten können.

Sie sagte weise: Wer liebt, muss den anderen manchmal gehen lassen. Dieser Satz von ihr hat sich in mein Bewusstsein eingebrannt. Ich habe einen Song daraus gemacht, „Sometimes love is letting go“. Den finden Sie auch auf der neuen CD.

Sie haben zwei erwachsene Kinder. Können Sie die gehen lassen?

Ja und nein. Der Verstand sagt ja, das Herz nein. Ich bin ein ausgesprochener Familienmensch. Meine Tochter Laura ist jetzt 23 und selbst schon Mutter. Nachdem sie damals ausgezogen ist, bin ich jeden Tag in ihr Zimmer gegangen und habe geweint. Es brauchte ganze fünf Jahre, bis ich ihr Zimmer verändern konnte.

Und was ist mit ihrem Sohn?

Richard wohnt noch bei mir, will aber demnächst ausziehen. Die Vorstellung daran bricht mir das Herz. Aber man weint halt so lange, bis man sich an den neuen Zustand gewöhnt hat.

Sie gelten als Vorbild für Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen.

Ich bin eine Kämpferin. Ich stamme aus Detroit, und in Detroit wird gekämpft.

Worum haben Sie gekämpft?

Um alles. Am meisten um Identität. Schon als ich jung war und Bass in meiner Band spielte, sah ich die braven Mädchen in ihren Kleidern um mich herum und fragte mich: Bin ich wie die?

Vermutlich nicht.

Stimmt. Ich wusste immer, dass ich anders bin. Trotzdem: Ich behielt Jeans und Lederjacke an und machte weiter, in der Hoffnung, dass ich auch so berühmt werden durfte. Und das geschah zum Glück. Ich habe den Frauen eine Stimme im Rock’n’Roll gegeben. So wie sie es verdienen. Eine sehr laute Stimme sogar.

In den frühen 70er Jahren waren Sie tatsächlich die einzig bekannte Frau im Rock’n’Roll-Geschäft.

Ja, und das war kein einfacher Job. Man muss sehr stark dafür sein. Einerseits macht es riesigen Spaß, andererseits muss man als Frau aufpassen. Es gibt da nämlich eine Grenze, die man nicht überschreiten sollte.

Welche denn?

Ich kann mit den Jungs trinken, rauchen und fluchen. Aber dabei will ich immer eine Lady bleiben. Das hat mir meine Mutter beigebracht: Okay. Ich bin eine Lady. Aber eine, die auch Scheiße sagen kann.

Sie sind in Detroit geboren, haben ein Anwesen in England, ihr zweiter Mann ist ein deutscher Musikproduzent und wohnt in Hamburg. Wo ist Ihre Heimat?

Das ist schwer zu beantworten. Mein ganzes Leben lang war ich eine Zigeunerin. Meine Wurzeln sind in Detroit. Daher habe ich meine Kämpfernatur. Seit 1980 lebe ich in einem alten Haus in Essex. So lange habe ich noch nirgends gelebt. Das Haus wurde 1590 erbaut, es spukt dort. Es ist irgendwo im Niemandsland. Ich brauche die Ruhe, um aufzutanken. Meine beiden Kinder sind dort geboren. Ich glaube, in England fühle ich mich am ehesten zu Hause. Manchmal bin ich aber auch bei meinem Mann in Hamburg.

Haben Sie durch das Scheitern Ihrer ersten Ehe etwas für Ihre zweite gelernt?

Natürlich. Ich mache keine Kompromisse mehr. Während meiner ersten Ehe habe ich viele Entscheidungen Len zuliebe getroffen. Ich wollte ihn glücklich machen. Das hat nicht funktioniert. Mit meinem jetzigen Mann streite ich natürlich auch über manche Dinge. Aber er muss akzeptieren, dass es mein Leben, meine Karriere ist.

Wie lange haben Sie gebraucht, um zu dieser Haltung zu kommen?

Bei Frauen fängt das mit ungefähr 40 an. Das ist eine ganz besondere Zeit. Sie sind es Leid, allen gefallen zu müssen und sagen sich: jetzt bin ich an der Reihe. Ich persönlich mache nichts, weil jemand Anderes das möchte. Ich bin mein eigener Boss.

Und der erlaubt Ihnen, noch immer in engen Lederhosen über die Bühnen zu springen? Sie sind ja immerhin schon 55.

Mein Vater ist auch Musiker. Er ist jetzt 92 Jahre alt, erst mit 89 ist er von der Bühne abgetreten. Ich bin genau wie er. So gesehen bin ich noch ein junges Mädchen.

 

Veröffentlicht auf SPIEGEL ONLINE

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