° Rezensionen - Bücher
BRIGITTE EXTRA: Die neuen Bücher 2009
Jürgen Kehrer "Fürchte dich nicht!", Jassy Mackenzie "Todeskälte" und Håkan Nesser "Das zweite Leben des Herrn Roos" als Hörbuch gelesen von Dietmar Bär.
° lesen (PDF) Veröffentlicht in BRIGITTE 22/2009
Sechs rätselhafte Fälle
Lesen oder lesen lassen - an diesem Wochenende wird das Sofa zum Tatort. Hier sind unsere Empfehlungen für Krimi-Bücher und -Hörbücher.
° lesen (PDF) Veröffentlicht in BRIGITTE 2/2009
BRIGITTE EXTRA: Das grosse Bücher-Special
Ian Rankin "Ein Rest von Schuld", Håkan Nesser "Eine ganz andere Geschichte" und Colin Cotterill "Dr. Siri und seinen Toten".
° lesen (PDF) Veröffentlicht in BRIGITTE 22/2008
Doch
die Sünde ist scharlachrot
Mir zwölf Jahren war es um die Amerikanerin Elizabeth George geschehen: Eine englische Mitschülerin erzählte ihr von Cliff Richards, den Beatles, roten Telefonzellen und Linksverkehr. Ihre Britmania hat bis heute angehalten. Alle Romane der 59-Jährigen spielen in Großbritannien. Bei jedem hat sie den Anspruch, einen neuen Aspekt ihres Lieblingslandes zu beleuchten. In „Doch die Sünde ist scharlachrot“, dem 14. Band mit den Kommissaren Lynley und Havers, ist es die englische Surf-Gemeinde. In einem Wellenreiterrevier in Cornwall stürzt der 18-jährige Santo von den Klippen. Die Leiche wird ausgerechnet von Detective Lynley entdeckt, der nach dem Tod seiner Frau den Dienst quittiert hat und einsam durch Südengland wandert. Seine feine Sprache hat das Buch noch einer Bestseller-Autorin und England-Spezialistin zu verdanken: Rebecca Gablé hat den Roman unter ihrem richtigen Namen mit ihrem Mann übersetzt.
Ü: Ingrid Krane-Müschen und Michael J. Müschen, 768 S., 24,95 Euro, Blanvalet
Veröffentlicht in Brigitte 25/2008.
Am Ende war die Tat
Die Lady liebt Fastfood, trashige Horrorfilme, trockenen Sherry und Scones mit viel Sahne. "Aber alles nur in Maßen", sagt Elizabeth George, im Hauptberuf amerikanische Bestseller-Autorin. Meistens sei sie sehr diszipliniert: In aller Herrgottsfrühe wird ein strammes Sportprogramm absolviert. Danach setzt sie sich an den Schreibtisch und steht nicht auf, bevor sie mindestens fünf Seiten geschrieben hat. Mit dieser Beharrlichkeit hat es die 58-Jährige auf mittlerweile 13 Kriminalromane mit dem englischen Ermittlerduo Inspektor Lynley und Sergeant Havers gebracht. In ihrem neuen Buch erhalten die beiden allerdings nicht viel mehr als Nebenrollen. Überhaupt ist das Buch gar kein richtiger Krimi: George schildert in einer Rückblende das Leben des zwölfjährigen Joel, der im Vorgängerroman ("Wo kein Zeuge ist") die schwangere Frau von Inspektor Lynley erschossen haben soll. Psychologisch versiert beschreibt George die armseligen Lebensumstände des Jungen und gibt einen tiefen Einblick in Joels geschundene Kinderseele, die sich in einem Milieu aus Sex, Drogen und Gewalt nicht anders zu helfen weiß, als selbst eine Pistole in die Hand zu nehmen. Ein spannender und beklemmend realistischer Gesellschaftsroman - und ein Elizabeth-George-Buch der etwas anderen Sorte.
Ü: Ingrid Krane- Müschen und Michael J. Müschen, 700 S., 21,95 Euro, Blanvalet
Veröffentlicht in Brigitte 22/2007.
Der
Mandant
Vor einigen Jahren kam Michael Connelly als Zuschauer bei einem Baseballspiel zufällig mit seinem Nebenmann ins Gespräch. Bei den meisten Menschen würde diese kurze Begegnung wahrscheinlich ohne nennenswerte Folgen bleiben, bei dem US-Schriftsteller jedoch führte sie zur Erfindung einer neuen Romanfigur. Name: Michael Haller. Beruf: Strafverteidiger. Charakter: außen schmierig, innen eisern. Wie Michael Connellys Sitznachbar hat Haller sein Auto zum mobilen Büro umfunktioniert, um auf den weiten Wegen zwischen den Gerichten von Los Angeles County seiner Tätigkeit nachzugehen: zwielichtige Mandanten raushauen. Mit dem reichen Immobilienmakler Louis Ross Roulet glaubt der ewig klamme Haller endlich das große Los gezogen zu haben. Der wird angeklagt, eine junge Frau nach einem Barbesuch schwer misshandelt zu haben. Haller sieht die Geschworenen schon auf seiner Seite, da nimmt der Fall eine dieser begnadeten Connelly-Wendungen. Und der Anwalt gerät selbst in Lebensgefahr. "Der Mandant" ist Michael Connellys erster Justiz- Krimi. Wie fast alle seine vorherigen Romane packt er einen wie eine Achterbahnfahrt: Man wird durchgeschüttelt, nimmt steile Kurven in einem halsbrecherischen Tempo und will am Ende nur noch eins - das Ganze noch mal von vorn.
Ü: Sepp Leeb, 528 S., 19,95 Euro, Heyne
Veröffentlicht in Brigitte 22/2007.
Die
Maske des Bösen
In seinem neuen Roman lässt es Robert Wilson ordentlich knallen. Mitten in einem Wohngebiet Sevillas explodiert eine Bombe, ein ganzer Wohnblock, eine Moschee und ein Kindergarten werden in die Luft gesprengt. Ein dutzend Menschen sterben, hunderte werden verletzt, es gibt mehr Opfer als in allen Wilson-Büchern zusammen. Das wäre schon schlimm genug für Chefinspektor Javier Falcón, aber der muss gleichzeitig noch in einem Ritualmord ermitteln. Und stellt schnell fest, dass es einen Zusammenhang zwischen beiden Fällen gibt. Auch persönlich müssen der meist melancholische Falcón und die anderen Hauptfiguren furchtbare Qualen durchleben. Damit stellt Robert Wilson, der knorrige Engländer mit Wohnsitz Portugal, dem globalen Phänomen Terrorismus raffiniert die psychische Dimension von Terror zur Seite. Durch diese Komplexität ist "Die Maske des Bösen" nicht nur ein Krimi, sondern hat das Kaliber eines beeindruckend realistischen Verschwörungs-Thrillers. Die "New York Times" findet, Wilson sei "einer der besten Thrillerautoren der Welt". Kein Widerspruch.
Ü: Kristian Lutze, 640 S., 19,95 Euro, Page & Turner
Veröffentlicht in Brigitte 22/2007.
Qual
Richard Bachman ist das Pseudonym eines Besessenen: Stephen King. Schon in den 70er Jahren hat der König des feinen, gut inszenierten Horrors mehr geschrieben, als sein Verlag veröffentlichen wollte. Ein Buch im Jahr sei genug für einen Autoren, hieß es, aber in Kings Kopf steckten so viele krude Fantasien, dass er sich einfach einen zweiten Namen zulegte, um mehr schreiben zu können. Seit 1977 veröffentlicht der Workaholic aus Maine als Richard Bachman (der Name fiel ihm ein, als er eine Platte von Bachman Turner Overdrive hörte), sein Alias hat sogar eine erfundene Biografie. "Qual", in erster Fassung schon 1973 geschrieben, aber erst jetzt erschienen, ist der siebte Roman des Kingschen Alter Ego. Er erzählt in Rückblenden die Geschichte des geistig zurückgebliebenen Kleinkriminellen Blaze. Der plant mit seinem besten Freund George den ganz großen Coup: Sie wollen ein Baby aus einer reichen Familie entführen. Aber George wird vorher getötet, und jetzt will Blaze ihr gemeinsames Projekt allein zu Ende bringen. Doch irgendwie gibt sein alter Kumpel ihm Tipps aus dem Jenseits, und Blaze entwickelt eine eigene Beziehung zum Kind. Bachmann/King hat keinen blutigen Horrorschocker à la "Shining" oder "Carrie" geschaffen, sondern eine bewegende Geschichte um einen Außenseiter der Gesellschaft - angereichert mit King-typischen Mystery-Elementen.
Ü: Jürgen Bürger, 350 S., 19,95 Euro, Heyne
Veröffentlicht in Brigitte 22/2007.
Freuds Comeback
Bis vor Kurzem schrieb Jed Rubenfeld ausschließlich juristische Abhandlungen, jetzt veröffentlichte er einen Kriminalroman. Warum? "Weil von meinem letzten Buch nur sechs Exemplare verkauft wurden", sagt der amerikanische Professor für Verfassungsrecht, "vier davon an Familienmitglieder." Sein literarisches Debüt "Morddeutung" stürmte dagegen auf Anhieb Platz 1 der englischen Bestsellerliste. Rubenfeld führt seine Leser in das New York des Jahres 1909, als Dr. Sigmund Freud in die USA reist, um Vorlesungen zu halten. Während dieses Aufenthalts wird eine junge Frau stranguliert und mit Schnittwunden in einem vornehmen Appartement aufgefunden, eine zweite überlebt den Angriff, verliert aber durch den Schock Gedächtnis und Stimme. Mit Hilfe Freuds und der Psychoanalyse soll der Überlebenden geholfen werden, sich schnellstens an den Täter zu erinnern, um weitere Morde zu verhindern. Eine spannende Entdeckungsreise in die Tiefen der menschlichen Seele beginnt. Es ist ein überzeugendes Debüt, das der 48-jährige Rubenfeld hingelegt hat - und es ist bloß erschienen, weil der Yale-Professor als vorbildlicher Ehemann auf seine Frau gehört hat. Er selbst hätte sein Krimi-Manuskript nämlich niemals verschickt.
Ü: Friedrich Mader, 528 Seiten, Heyne
Veröffentlicht in Brigitte 12/2007.
Der doppelte Nesser
Håkan Nesser kann sich selbst nicht genau erklären,
woher er all seine Ideen hat. "Wie die in meinen Kopf kommen, ist
mir ein echtes Rätsel",sagt
der 56-jährige Schwede. Mit seinem Kommissar Van Veeteren hat er sich
einen festen Platz unter den besten Krimi-Autoren Europas erschrieben.
Doch Nesser kann auch ohne Van Veeteren, das zeigen gleich zwei neue
Bücher: In "Die Fliege und die Ewigkeit" entdeckt der Ex-Häftling
Maertens nach dem Tod seines besten Freundes, dass er auf perfide Art
betrogen wurde. Das Geheimnis steckt in einem Umschlag, der Maertens
auf der Beerdigung überreicht wird. Ein Roman, für den man sich Zeit
nehmen sollte. Das findet auch der Autor: "Warum kann der Leser nicht ein paar Wochen
in einen Krimi investieren, an dem ich mehrere Jahre geschrieben habe?"
Im
Gegensatz dazu ist "In Liebe, Agnes" ( ein
leichter Lese-Snack, garniert mit einem raffinierten Ende. Wie zwei
Freundinnen in diesem kleinen Briefroman einen Mord austüfteln, das
lässt sich herrlich an einem Nachmittag weglesen.
"Die Fliege und die Ewigkeit"
Ü: Christel Hildebrandt, 320
S., 19,95 Euro, btb
"In Liebe, Agnes"
Ü: Gabriele Haefs, 162 S., 8 Euro, btb
Veröffentlicht in Brigitte 25/2006.
Sag’ beim Abschied leise… gar nichts
Er ist schon ein seltsamer Kauz, dieser Tabor Süden, Hauptkommissar der Vermisstenstelle in München. Sieht aus wie eine Mischung aus Karl Lagerfeld und Althippie. Löst seine Fälle durch Intuition und Schweigsamkeit. Damit brachte er seinem Erfinder Friedrich Ani nicht nur zweimal den deutschen Krimipreis ein, sondern ermittelte sich auch eine ansehnliche Fangemeinde. Die geht jetzt harten Zeiten entgegen. Denn am Ende von „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ wird Süden selbst verschwunden sein. „Und es bräuchte schon einen sehr gerissenen Detektiv, um ihn wiederzufinden“, sagt Friedrich Ani.
In seinem zwölften und letzten Fall will Tabor Süden in seinem Heimatdorf eigentlich nur das Grab seiner Mutter besuchen. Doch dann bittet ihn der Dorflehrer verzweifelt um Hilfe. Seit einem Jahr ist seine 10-jährige Tochter Anna verschwunden, die eingesetzte Sonderkommission hat keinerlei Hinweise, was passiert sein könnte. Annas Vater glaubt fest daran, dass jemand aus dem Ort mit ihrem Verschwinden zu tun hat. Süden beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Und muss es mit einer Dorfgesellschaft aufnehmen, hinter deren katholischer Fassade sich tiefe Abgründe auftun. Er wird das Rätsel lösen, ein letztes Mal. Und danach seinen Job an den Nagel hängen. „Ich habe das bezahlte Scheitern so satt“, sagt Tabor Süden. Er wird mir fehlen.
192 Seiten, Knaur
Veröffentlicht in Brigitte 12/2005.
"Gottes Tochter"
Deutscher Krimipreis 2002. Der für 2003 gleich hinterher. Dazu haufenweise Stipendien und Auszeichnungen – Friedrich Ani könnte in aller Ruhe seinen Erfolg genießen. Tut er aber nicht. Stattdessen schreibt der 44-Jährige jeden Tag bis zur Erschöpfung. Die letzten vier Romane aus der Reihe um Hauptkommissar Tabor Süden hat er innerhalb eines Jahres verfasst. Arbeit, die sich auszahlt: Für den diesjährigen Krimi-Preis ist Ani gleich für drei Romane mit dem ersten Platz ausgezeichnet worden. Was der Münchner durchaus zu schätzen weiß: "Das erinnert ein wenig an die Zeiten der Beatles, als diese drei Titel hintereinander an der Spitze der Charts hatten."
"Gottes Tochter" heißt nun sein neuestes Buch. Ein Krimi, dessen Geschichte auf den ersten Blick gar nicht so ungewöhnlich scheint. Julika de Vries, gerade 18 geworden, haut von zu Hause ab, um mit ihrer frischen Liebe Rico ein neues Leben anzufangen. Tabor Süden, Hauptkommissar der Vermisstenstelle in München, soll das Mädchen finden. Seine Spur führt ihn nach Rostock, in Ricos Heimatstadt. Da ist Julika untergetaucht. Was als zarte Liebesgeschichte beginnt, nimmt eine dramatische Wendung: Es stellt sich heraus, dass Rico und seine Freunde an den Ausschreitungen um das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen beteiligt waren, bei denen (jedenfalls im Buch) ein Vietnamese ums Leben kam. In diesem Umfeld sucht Süden nach Julika. Seine Ermittlungsmethoden sind bemerkenswert: Er schweigt und bleibt und bringt damit nahezu jeden zum Reden. Süden ist überhaupt eine eigenwillige Persönlichkeit - innerlich selbst zerrissen, mit einem unerschöpflichen Verständnis für die Schicksale anderer. Sein Erfinder Ani hat einen Ermittler geschaffen, der so ungewöhnlich ist wie die Sprache, in der er seine Welt beschreibt: nüchtern, poetisch, präzise, wach, bewegend. Einfach grandios!
396 Seiten, Droemer
Veröffentlicht in Brigitte 21/2003.
„Die Bronzestatue“
Im wahren Leben, so munkelt man in Island, ist Stella Blómkvist eine bekannte Persönlichkeit. Bloß welche – dass weiß keiner so genau, weil es sich beim Namen der Erfolgsautorin um ein Pseudonym handelt. In ihrem neuen Krimi „Die Bronzestatue“ ist Stella Blómkvist nicht nur die Verfasserin, sondern auch die Hauptakteurin – und die lebt ihre Schwäche für gut gebaute Kerle ungehemmt aus, lässt sich nichts gefallen und gibt den Lesern reichlich Lebensweisheiten ihrer Mutter mit auf den Weg. Abgesehen davon ist sie Rechtsanwältin und mit allen Wassern gewaschen. Ihr wird der Fall eines stadtbekannten Weiberhelden übertragen, der seine Freundin erschlagen haben soll – mitten in der isländischen Staatskanzlei. Trotz aller Indizien glaubt Stella fest an seine Unschuld und gerät bei ihren eigenen Ermittlungen an Informationen, die Politikerköpfe rollen lassen könnten. Das ist spannend – und zugleich witzig und frivol geschrieben.
Ü: Elena Teuffer, 250 Seiten, btb
Veröffentlicht in Brigitte 13/2003.
„Black List“
Chicago, kurz nach den Anschlägen des 11. September. Die Privatdetektivin Victoria Iphigenia Warshawski erhält den Auftrag, ein altes, leer stehendes Herrenhaus zu beobachten. Angeblich würden sich dort nachts ungebetene Gäste herumtreiben. Terroristen? V.I., wie sie auch genannt wird, beginnt mit den Ermittlungen.
Und findet prompt die Leiche des afro-amerikanischen Journalisten Marcus Whitby. Angeblich Selbstmord. Aber er recherchierte für ein Buch über eine berühmte farbige Tänzerin, die während der McCarthy-Ära auf der „Black List“, also auf der schwarzen Liste der erz-konservativen Polit-Inquisitoren stand – und das Land verlassen musste. Kann es sich da nur um einen Zufall handeln, dass die beiden mächtigen Familien, die damals an dem Fall beteiligt waren, in der Nähe des Fundortes wohnen? Dank ihrer Cleverness und Hartnäckigkeit stößt V.I. auf Geheimnisse, die die Reichen und Mächtigen lieber für sich behalten hätten. Von den langen Schatten der finsteren McCarthy-Zeit erzählt die 57-jährige Sara Paretsky in ihrem seit über 20 Jahren bewährten Erzählstil. Der ist zwar ziemlich konventionell, das tut aber der Spannung keinen Abbruch. Und deshalb ist dieser wieder ein lesenswerter Band der Warshawski-Reihe geworden.
Ü: Sibylle Schmidt, 511 Seiten, Goldmann Verlag
Veröffentlicht in Brigitte 19/2004.
Mimose
in Stahlgewittern
Ein Krieg, eine kompromisslose Liebe: Der französische Schriftsteller Sébastien Japrisot hat mit „Mathilde“ den großen Frauengestalten der Literatur eine eindrucksvolle Heldin hinzugefügt.
Den riesigen Erfolg hat der Autor nicht mehr genießen können. Vor zwei Jahren starb Sébastien Japrisot (1931 – 2003), der Verfasser von „Die Mimosen von Hossegor“, kurz bevor die Verfilmung seines schönsten Romans in die Kinos kam. Als Film (und jetzt auch als neuaufgelegtes Buch) heißt das Werk „Mathilde - Eine große Liebe“. Jene Mathilde hat seitdem unwiderruflich das bezaubernde Gesicht von Audrey Tautou („Die fabelhafte Welt der Amélie“), und der Roman, mittlerweile in 16 Sprachen übersetzt, verkauft sich besser als je zuvor.
Schon 1991 erschien das Original in Frankreich, die deutsche Erstausgabe 1996. Japrisots einziger historischer Roman spielt mitten im Ersten Weltkrieg. Die gehbehinderte Kunstmalerin Mathilde (sie malt gern Mimosen) liebt Manech, der an die Front beordert wird. Um als kriegsuntauglich entlassen zu werden und zu seiner großen Liebe zurückzukehren, schießt er sich in die Hand. Seine Absicht wird durchschaut – mit grausamen Folgen: Manech wird verurteilt und zusammen mit fünf anderen, die sich auch verstümmelt haben, schutzlos auf das Schlachtfeld verstoßen, ein leichtes Ziel für die feindlichen Deutschen. Nach Kriegsende kehrt er dann auch nicht nach Hossegor, seinem Heimatdorf im Südwesten Frankreichs, zurück. Mathilde glaubt aber nicht an seinen Tod und begibt sich hartnäckig auf die Suche nach ihrem Geliebten. Stück für Stück rekonstruiert sie die Abläufe der vergangenen Jahre und stößt schließlich auf eine traurige Spur.
Japrisot, Sohn italienischer Immigranten, übersetzte mit 20 J.D.Salingers „Der Fänger im Roggen“, schrieb mit 30 seine ersten Krimis. Ein Genre, in dem er zahlreiche Auszeichnungen bekam. Er arbeitete auch als Regisseur und Drehbuchautor – immer mit außergewöhnlichem Erfolg. Das Drehbuch von „Ein mörderischer Sommer“, das mit Isabelle Adjani verfilmt wurde, brachte ihm 1984 den begehrten César.
Was er tat, tat er gründlich. Für „Mathilde- eine große Liebe“ forschte Japrisot akribisch Frontbewegungen und das Leben in den Schützengräben nach. Er las Remarque und Jünger, „furchtbares, mystifizierendes Zeug“, so Japrisot. Später sagte er, er wolle nie wieder über den Krieg recherchieren. Er selbst hat dem Pazifismus mit seiner Mathilde ein Denkmal gesetzt. Und der Liebe.
Ü: Christiane Landgrebe, 318 Seiten, Aufbau Taschenbuchverlag
Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE im September 2005.
Alles futsch, zum Glück!
Das Leben ist ein Fundbüro und ein Verlustgeschäft. So stellt es jedenfalls Steffen Kopetzky in seinem neuen Erzählungenband "Lost/Found" dar. In sieben Geschichten berichtet der Jungautor vom Lebensglück - und wie man es auf bereichernde Weise wieder loswird.
„Reisen“, sagt Steffen Kopetzky, „ist immer schlimm“. Er habe Reisefieber und sei am liebsten zu Hause. Bemerkenswert, dass so einer seine Figuren munter über die Welt verteilt. Das war schon so in seinen Büchern „Grande Tour“ oder „Eine uneigentliche Reise“. Und das ist so beim neuesten Werk des gebürtigen Oberbayern: „Lost/Found“, einer Sammlung von sieben Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Aber der Schein trügt.
„Die Sprache der Liebe“ ist der Titel der ersten Geschichte, in der die Journalistin Andrea unbedingt schwanger werden will. Dafür spritzt sie sich unter Schmerzen auch auf ihrer Dienstreise nach New York Gelbkörperhormone. Im Abreisestress vergisst sie ihr gesamtes Spritzenetui im Hotelzimmer, landet auf dem falschen Flughafen und muss dann feststellen, dass ihr Rückflug völlig überbucht ist. Sie verliert die Hoffnung, rechtzeitig zu Hause zu sein, um mit ihrem Freund das Wunschkind zu zeugen. Gleichzeitig gewinnt sie aber in dieser Hoffnungslosigkeit ihre Freiheit wieder. In „Verdammtes Material“ wird der Berliner Punker Bendo auf einer Keipentoilette Zeuge eines Telefonats vermeintlich kriminellen Inhalts. Als der Angerufene für einen Moment sein Handy aus den Augen lässt, geht Bendo beim nächsten Klingeln ran und übernimmt einen kuriosen Auftrag, für den er ein Auto knacken muss. Er macht einen glücklichen Fund und scheint dann wieder alles zu verlieren. Aber trotz seines Verlustes hat er etwas gewonnen.
Jede einzelne der insgesamt sieben Geschichten von Steffen Kopetzky erzählt kurze, jedoch bedeutsame Begebenheiten rund ums Finden und Verlieren. Dabei dreht Kopetzky die Vorzeichen um, denn nicht immer bedeutet ein Verlust das Abhandenkommen einer geliebten Kostbarkeit oder ein Fund das reine Glück. Auch ein verlorener Schlüssel kann Glück bedeuten, ein gefundenes Flugblatt wiederum Einsamkeit.
Der 34-jährige Autor beschreibt sehr unterschiedliche Figuren, auch die sie bewegenden Themen variieren von Geschichte zu Geschichte. Außerdem hat Kopetzky die Schauplätze auf drei Kontinente verteilt: New York, Berlin, Düsseldorf, Bedlington/England, Tanger/Marokko, Pantelleria/Italien, Kap Bon/Tunesien. Aber spätestens bei der siebten Erzählung wird dem Leser bewusst, dass alle Geschichten aufs Feinste miteinander verwoben sind. Es stellt sich beispielsweise heraus, dass der Freund der Journalistin und potenzielle Vater ihres Kindes der Eigentümer des Wagens ist, den der Punker in Berlin aufgebrochen hat. Außerdem gibt es viele weitere Verbindungen zwischen den Erzählungen, die herauszufinden großes Vergnügen bereitet. Kopetzky schätzt diese Verwobenheit der Einzelteile zu einem großen Ganzen: „Im phantastischen Mechanismus, den wir Weltgeschichte nennen, streben wir nach unseren eigenen Zielen“, sagt Kopetzky, „nur gelegentlich, wenn uns etwas aus der Bahn wirft, verstehen wir die höhere Ebene. Wir verstehen, wie alles miteinander verbunden ist. Wir alle gehören zusammen“.
Universelle Verbundenheit einerseits und individuelle Freiheit andererseits sind die großen Themen der Erzählungen, die als Kurzgeschichten zuerst so harmlos daherkommen. Ein hoher Anspruch, dem Kopetzky durchaus gerecht wird, ohne die kleinen Texte zu überfrachten und ihnen zu viel abzuverlangen. Die Motive werden unterstützt von einem Sprachgefühl, das ihm schon zuvor zahlreiche Auszeichnungen eingebracht hat. Kopetzky, der Philosophie und Romanistik studiert hat, erhielt zum Beispiel den Hans-Magnus-Preis der ARD und den Else-Lasker-Schüler Preis für Dramatik.
Außerdem ist der Vater eines Sohnes Journalist, verfasst Theaterstücke und Opernlibretti und schreibt für den Hörfunk. Und oft aus eigenem Erleben: „Grande Tour oder die Nacht der großen Complication“ – sein „Hauptwerk“, wie der Autor sagt – handelt von einem Schlafwagenschaffner, der kreuz und quer durch Europa fährt. Ein Job, den Kopetzky selbst in schlechten Zeiten ausgeübt hat. Aber die sind nun vorbei, aus dem mittellosen Studenten ist ein vielseitiger, ernstzunehmender Autor geworden, der im Literaturbetrieb Deutschland wieder für Aufsehen sorgt.
224 Seiten, btb Verlag
Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE im Dezember 2005.
° Rezensionen - Musik
New York zum Hören
Vom Rolling Stone wurde David Poe gelobt als einer, „der die Kluft schließt zwischen Elvis Costello und Jeff Buckley“. Und das tut er auf seiner neuen Platte „The Late Album“ (Edel Contraire) mit poppigem Rock, folkigem Jazz und 60er-Jahre Britpop im besten Beatles-Stil. Und das in Perfektion – Poe ist ein Songwriter, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Angefangen hat alles in Dayton, Ohio, wo er sich schon zu Highschoolzeiten mit verschiedenen Garagenbands ausprobiert hat. Er reiste im Vorprogramm von Tori Amos oder Bob Dylan durch die ganze Welt. Jetzt lebt der smarte Blonde in New York, und seine Songs sind so abwechslungsreich wie seine Stadt. Ein gelungener Stilmix.
Veröffentlicht in Brigitte 6/2003.
° Rezensionen - TV
„Am perfektesten formuliert“
Nach der Auferstehung des Literarischen Quartetts zu Schillers 200. Todestag im April, hat sich die Runde um Literaturpapst Marcel-Reich-Ranicki erneut getroffen. Dieses Mal huldigten sie dem Literaturnobelpreisträger Thomas Mann – mal unfreiwillig komisch, mal amüsant und am Ende etwas langatmig.
Eigentlich gibt es das Literarische Quartett seit drei Jahren nicht mehr. Ausnahmen werden aber neuerdings gemacht, wenn etwas ganz Wichtiges zu besprechen ist: Gestern (ZDF, 17.08.2005, 22.15 Uhr) gedachte die Runde Thomas Mann, verstorben vor 50 Jahren. Als Gast war der Lyriker und Zeichner Robert Gernhardt mit von der Partie, ein freundlicher, intelligenter Herr, der sich mit bissigem Humor (Gernhardt war Autor für „Pardon“ und „Titanic“) und Sachkenntnis für die Runde qualifizierte: Er hat sich intensiv mit den Nebenrollen in den Mann’schen Werken beschäftigt.
Es war das zweite Mal, dass die Runde sich in diesem Jahr traf, um die Werke eines Verstorbenen zu würdigen: Zum 200. Todestag von Friedrich Schiller hatte sich die Talkrunde im vergangenen April erstmals wieder versammelt. Marcel-Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Iris Radisch luden damals die neue TV-Literaturinstanz Elke Heidenreich ein.
Dieses Mal traf sich das Quartett im Travemünder Casino, dem Badeort bei Lübeck, in dem Thomas Mann als Junge „die unzweifelhaft glücklichsten Tage“ (Mann) seines Lebens verbracht hatte. Allerdings schien es, als würde die gediegen-betuliche Dekoration des Ortes auf die Runde abfärben. Friedlich plätscherte das Quartett vor sich hin, auch der streitlustige Reich-Ranicki, mittlerweile 85, gab sich zahm – von einigen erhobenen Zeigefingern und dem ein oder anderen Nicht-ausreden-lassen mal abgesehen. Von den lebhaften, oft polarisierenden und durchaus verletzenden Streitgesprächen früherer Jahre war man weit entfernt.
Vier Erzählungen hatten sich die vier vorgenommen: „Tristan“ (1903), „Tod in Venedig“ (1912), „Mario und der Zauberer“ (1930) und „Tonio Kröger“ (1903). Die großen Romane wie „Buddenbrooks“ oder „Der Zauberberg“ sollten außen vor bleiben. „Tristan“ wurde von der ZEIT-Journalistin Iris Radisch vorgestellt. Ihr gefiel, dass die Novelle so etwas wie „Thomas Mann in einer Nussschale“ sei: Alle literarischen Motive Manns fänden sich in „Tristan“ wieder. Sie referierte wortgewandt, aber viel zu schnell. Vermutlich wollte sie so viel wie möglich loswerden, bevor Reich-Ranicki und Karasek ihr ins Wort fielen, man kennt das ja von früher. Flapsig kommentierte sie Manns Vorliebe für Richard Wagner. Die Protagonistin stirbt nämlich, während sie auf dem Klavier Auszüge aus „Tristan und Isolde“ spielt. „Stirbt sie an der Lunge oder an Wagner?“, fragte Radisch, „man weiß es nicht“.
Das war eine der wenigen Pointen einer eher langweiligen Veranstaltung. Komik war höchstens unfreiwillig, zum Beispiel als Hellmuth Karasek bei der Vorstellung von „Tod in Venedig“ erklärte: Das Buch sei das Werk Thomas Manns, „wo er eigentlich am perfektesten formuliert“.
Perfektest formuliert wurde in der Sendung sowieso eher wenig: Ob Reich-Ranicki meinte, Goethe sei zur Hälfte Thomas Mann oder umgekehrt, war nicht zu ergründen. Radisch reihte Nietzsche, Eros und das Dionysische in eine komplizierte Syntax, in der sich auch der Sinn ihrer Aussage verhedderte. Einige der Jüngeren im Publikum betrachteten spätestens jetzt den Stuck an der Decke, andere blickten durch die hohen Fenster sinnierend in den Holsteiner Himmel, blau wie selten in diesem Sommer.
Zum Glück gab es auch konkretere Passagen in der Diskussion. Reich-Ranicki erklärte, für ihn finde sich im „Tod in Venedig“ der „entscheidende Augenblick für die gesamte deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts“, als der verliebte 50-Jährige Schriftsteller hinter dem Objekt seiner Begierde, dem polnischen Knaben, geht und seine Hand auf dessen Schulter legen könnte – aber es nicht tut. Aus Angst. „Das war ein Erotiker!“, sagte Reich-Ranicki „Ein verhinderter!“, rief Radisch. „Ein sublimierter!“, meinte Karasek. Gut so, fand Gernhardt: „Ein Erotiker, der Erotik praktiziert, ist ein Sexist“.
Robert Gernhardt stellte die Novelle „Mario und der Zauberer“ vor, die im Italien Mussolinis spielt und eine hochpolitische Erzählung sei. Gernhardt blieb den ganzen Abend über sympathisch gelassen. Er redete weitaus weniger als die anderen, war aber uneitel genug, sich daran kein bisschen zu stören. Dass Thomas Mann samt Familie nur eine Woche in Venedig war und trotzdem Stoff für eine ganze Erzählung zusammentrug, bewunderte der Frankfurter als „ökonomische Haltung“,.
Als vierte und letzte Novelle stellte Reich-Ranicki „Tonio Kröger“ vor. Dieses Werk hätte ihn schon als 14-Jähriger begeistert. Es spiegele das zentrale Motiv Manns wider: die Polarität zwischen Künstler und Bürger. Radisch zeigte sich dagegen „fast empört über die Ehrenrettung des simpel gedachten Bürgerlichen“. So recht zu verstehen war dieser Gefühlsausbruch zwar nicht, aber wenigstens kam mal wieder Leben in die Bude.
Man hätte gern mehr davon gehabt an diesem Abend. Seine beiden zentralen Aufgaben (1. den Zuschauer unterhalten, 2. Lust auf Thomas Mann machen) hat das Quartett nur bedingt erfüllt. Reich-Ranicki-Fans haben einen routinierten Altmeister auf der Suche nach seiner Normalform gesehen. Wer mit dem Werk des berühmten Lübeckers nicht besonders vertraut ist, wird mit mehr Fragen als Antworten ins Bett gegangen sein. Vielleicht wird es beim nächsten Vereinstreffen des Clubs der Freunde toter Dichter interessanter - im nächsten Jahr stehen weitere Todestage an. Im Februar der 150. von Heinrich Heine, im August der 50. von Bertholt Brecht. Nutzen Sie die Zeit bis dahin mit entsprechender Sekundärliteratur.
Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE im August 2005.