° Hamburger Völkerkundemuseum: Terrakotta-Soldaten sind unecht

Der Streit um die Terrakotta-Armee im Hamburger Völkerkundemuseum eskaliert. Ein Organisator gab zu, dass die Tonkrieger authentisch sind - aber keine Originale. Die Museumsleitung gerät jetzt zunehmend unter Druck.

Hamburg - Nach außen scheint alles business as usual zu sein. Die Ausstellung "Macht im Tod - die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China" bleibt auch heute für die Besucher des Hamburger Völkerkundemuseums geöffnet. Trotz der brisanten Offenbarung des Organisators Yolna Grimm, dass es sich bei den ausgestellten Exponaten definitiv nicht um Originale handelt.

Das Völkerkundemuseum gerät damit zunehmend unter Druck. Heute hat man nach Informationen von SPIEGEL ONLINE schnell ein Hinweisschild, das erst gestern aufgestellt worden war, gegen ein neues ausgetauscht. Nun ist zu lesen: "Liebe Besucherinnen und Besucher, wir machen Sie darauf aufmerksam, dass es sich bei den in der Ausstellung gezeigten Objekten um originalgetreue Kopien der Grabbeigaben aus der Ausgrabungsstätte Xian handelt." Das gestrige Schild hatte lediglich darauf verwiesen, dass es sich um Kopien handeln könnte.
Bereits in der vergangenen Woche waren Zweifel laut geworden, ob es sich bei den acht Terrakotta-Kriegern um Originale handelt. Die Echtheit der Exponate wurde von chinesischen Behörden bezweifelt. Ein Museumssprecher sagte, man würde dem Verdacht intensiv nachgehen, man rechne mit einem Ergebnis bis Ende Dezember. Laut museumseigener Homepage soll die umstrittene Ausstellung weiterhin bis Ende September 2008 zu sehen sein.

Ob das Museum daran festhalten kann, wird allerdings nach den gestrigen Anschuldigungen immer fraglicher. Yolna Grimm vom Leipziger Center of Chinese Arts and Culture (CCAC), dem Unternehmen, das die Ausstellung für das Hamburger Völkerkundemuseum konzipierte, äußerte sich in den ARD-"Tagesthemen". Die acht in Hamburg ausgestellten chinesischen Terrakotta-Krieger bestünden zwar aus dem gleichen Material wie die Original-Terrakotta-Figuren. Sie seien auch genauso groß wie die mehr als 2000 Jahre alten Originale in Xian, doch "Originale sind es jedenfalls nicht". Grimm erklärte, die Exponate in Hamburg seien wie vereinbart authentisch. Die Hamburger Museumsmanager hätten wohl nur den Unterschied zwischen original und authentisch nicht verstanden.

Den Skandal ausgelöst hatte der Kulturmanager Roland Freyer, der 2005 eine Terrakotta-Krieger-Ausstellung in Leipzig organisiert hatte. Er hat bereits Strafanzeige gegen die CCAC wegen Betrugs erstattet. Gestern stellte er in Hamburg zusätzlich Strafanzeige gegen Museumsdirektor Wulf Köpke - wegen Beihilfe zum Betrug. Heute solle nun eine Anzeige wegen Betrugs folgen, sagte er SPIEGEL ONLINE. Man solle "Fälschungen" auf das neue Hinweisschild schreiben, nicht "Kopien".

Mittlerweile mischt sich auch die Politik in den Streit ein. Der kulturpolitische Sprecher der Hamburger FDP, Stephan von Hundelshausen, forderte den Rücktritt des Museumsdirektors Wulf Köpke: "Wenn die Terrakotta-Krieger wirklich falsch sein sollten, gehören sie samt des verantwortlichen Museumsdirektors Wulf Köpke auf die Straße gestellt", sagte er. Außerdem solle Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) endlich für Ruhe im Museumskonflikt sorgen.

 

Falsche Tonsoldaten: Terrakotta-Krieger-Ausstellung wird geschlossen

Vorläufiges Ende einer Posse: Die Hamburger Ausstellung mit gefälschten Terrakotta-Kriegern wird geschlossen. Damit reagiert das Museum auf zunehmenden Druck von Politik und Medien. Jetzt droht eine juristische Auseinandersetzung.

Hamburg - Nach langem Hin und Her hat das Hamburger Museum für Völkerkunde nun einen Schnitt gemacht: Die Ausstellung mit gefälschten chinesischen Terrakotta-Kriegern wird geschlossen. "Die Leipziger Vertragspartner des Museums haben jetzt ausgesagt, dass es sich bei den ausgestellten Exponaten nicht um Originale handele", teilte das Museum am Mittwochabend in einer Erklärung mit, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Der Vertrag sei gekündigt worden, die Ausstellung "Macht im Tod - die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China" werde geschlossen. Das Museum prüfe nun rechtliche Schritte gegen das Centre of Chinese Arts and Culture (CCAC), das die Ausstellung organisiert hatte.

Das Völkerkundemuseum war heute zunehmend unter Druck geraten, nachdem Yolna Grimm von der Leipziger Firma CCAC gestern in den ARD-"Tagesthemen" gesagt hatte, dass die Terrakotta-Krieger in Hamburg keine Originale seien.
Zunächst hatte man ein Hinweisschild, das gestern aufgestellt worden war, gegen ein neues ausgetauscht. Darin war zu lesen: "Liebe Besucherinnen und Besucher, wir machen Sie darauf aufmerksam, dass es sich bei den in der Ausstellung gezeigten Objekten um originalgetreue Kopien der Grabbeigaben aus der Ausgrabungsstätte Xian handelt." Das gestrige Schild hatte lediglich darauf verwiesen, dass es sich um Kopien handeln könnte. Schließlich mischte sich die Politik ein: Unter Vorsitz der Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) sollte in der kommenden Woche der Hamburger Stiftungsrat über das mögliche Ende der Schau entscheiden.

Mit der Schließung kommt das Museum dieser Entscheidung nun zuvor. In der Mitteilung heißt es: "Das Museum für Völkerkunde bedauert es sehr, falschen Angaben aufgesessen zu sein und entschuldigt sich hierfür bei der Öffentlichkeit." Weiter teilt das Museum mit, dass Besucher, die seit der Eröffnung der Ausstellung (25. November) bis zum 9. Dezember die Ausstellung besucht hätten, bei Vorlage der Eintrittskarte ihr Geld zurückbekämen.

Eine Sprecherin des Museums sagte SPIEGEL ONLINE, dass die ersten Besucher ihr Geld zurückverlangt hätten, nachdem das Museum bereits gestern eine Rückerstattung angeboten hatte. Das Ausmaß des Schadens konnte sie aber noch nicht beziffern. Mehr als 10.000 Menschen haben die Ausstellung bisher besucht.

Kultursenatorin von Welck drückte ihr Bedauern aus. Eine solche Ausstellung ohne direkten Kontakt zu den chinesischen Leihgebern organisiert zu haben, sei problematisch. "Wir haben aber den Eindruck, dass Professor Köpke nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe sofort die richtigen Maßnahmen ergriffen hat."

 

Veröffentlicht bei SPIEGEL ONLINE im Dezember 2007.

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